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Leserbrief

Es lebe der Voyeurismus

Manuela Rous,Herrenwingert 6, Mauren | 27. Dezember 2013

Es lebe der Geist der Weihnacht oder wie man bei Nachbarn für weihnachtliche Freude sorgt!
Es gibt allenthalben Menschen, denen ist auch am Weihnachtstag nichts heilig. Vielleicht kennen auch Sie Menschen in Ihrer Nachbarschaft, welche mit minutiösem Eifer an den Grenzen ihres Revieres nach Anwohnern Ausschau halten, welche sich, nach ihren eigenen kleingeistigen Massstäben, entweder unziemlich verhalten, oder Dinge tun, die ihr kleines Reich bedrohen könnte? Diese, im Volksmund liebevoll betitelten «Herrgöttles» oder, wie heute im globalen Synonym genannten «Big Brothers», schrecken auch vor Anzeigen nicht zurück, die den ausländischen Nachbarn in dessen eigener Wohnung als gefährlichen Nudisten outen, der daraufhin hochoffiziellen Besuch von der Landespolizei bekommt. Es lebe der Voyeurismus und das zoomfähige Kameraobjektiv!
Diese löblichen Bürger sorgen natürlich auch dafür, dass bei anderen Nachbarn keine mutmasslichen Illegalen in unserem Ländle Wohnsitz nehmen und helfen damit, der drohenden Überfremdung Herr zu werden. Auch da war eine Anzeige hilfreich, damit die Fremdenpolizei vor Ort nach dem Rechten schauen konnte. Dumm nur, dass der vermeintliche «Schwarzwohner» eigentlich nur regelmässiger Besucher und Verlobter der ahnungslos Beobachteten war – mit Wohnadresse in der Schweiz, wohlgemerkt.
Um hier den werten Leser nicht allzu sehr mit weiteren Geschichten und kopfschüttelnden Details aus der Welt des «Maschendrahtzauns» zu langweilen, sei jetzt nur noch die kleine Weihnachtsgeschichte erwähnt, welche sich dieser Tage zugetragen hat: Der Weihnachtssturm fegte heuer mit ungeheurer Wucht durchs Ländle. Da wurden Bäume entwurzelt und Fassaden beschädigt, Dächer erleichtert und Antennen davongetragen. So mancher musste rund ums Haus nach Schäden Ausschau halten. Die guten Bürger, von denen hier berichtet wird, warfen ihr Auge natürlich auch in Nachbars Garten. Deren vor einem Jahr frisch reparierte Sicht-schutzwand aus Holz konnte den Böen einmal mehr nicht standhalten und nahm Schaden. Für die Geschädigten ist diese Sichtschutzwand, wie man verständlicherweise wohl nachfühlen kann, auch so etwas wie ein emotionaler Schutzschild gegen die Unbill der Streitsüchtigen.
Nun, die Argusaugen der Wächter vom Revier entdeckten kleine Bohrlöcher, die an der Rückseite der zu den Nachbarn zugewandten Seite der betongefüllten Rasterflorgefässen sichtbar wurden. Diese Ungeheuerlichkeit musste den ohnehin schon sturmgeplagten Nachbarn flugs am Weihnachtstag per Telefon und mit vehementem Befehlston zur sofortigen Reparatur mitgeteilt werden – untermauert mit der Drohung, dass auch die im Gesetz erlaubte Höchsthöhe des Sichtschutzes nicht eingehalten wurde und ebenfalls Konsequenzen nach sich ziehen würde. An der Telefonfront der Ehemann der Grenzverletzten – im Hintergrund die wortgewaltige Stimme der lieben Ehefrau, welche ihren Gatten gehörig anfeuerte. Süsser die Engel nie klangen!
Ich wünsche allen, wirklich allen Nachbarn und auch jenen, die es im Guten noch lernen wollen, welche zu sein, einen guten, liebevollen und toleranten Geist der Weihnacht, der sie mit ins neue Jahr trägt.


Manuela Rous,
Herrenwingert 6, Mauren

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