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Leserbrief

Meine Welt, deine Welt – Sechster Teil

Amon Marxer, Eschen | 29. August 2017

Chancengleichheit

Man könnte meinen, der Begriff sei schwer zu verstehen, wenn man sieht, in welchen Zusammenhängen er teilweise verwendet wird. Ich bin nicht der Erste, der auf diese Tatsache hinweist, aber Wiederholung schadet dem Lernerfolg ja nicht: Chancengleichheit heisst, alle mit den gleich guten Schuhen an den Start zu schicken. Chancengleichheit heisst nicht, allen einen Pokal in die Hand zu drücken. Chancengleichheit betrifft also die Angleichung einer Ausgangssituation, nicht die Angleichung eines Ergebnisses. Die Anzahl Frauen im Parlament ist aber offensichtlich ein Ergebnis. Ironischerweise sind es gerade die Verfechterinnen einer Quote (zum Beispiel im «Weiss-Magazin» vom 19. Mai), die uns eindrücklich vor Augen führen, dass eine Quote nichts mit Chancengleichheit zu tun hat, wenn sie darauf hinweisen, dass wir, was die Anzahl Frauen im Parlament angeht, Ländern wie Somalia, Pakistan oder SaudiArabien weit hinterherhinken. Über diesen Versuch, rückständige Gesellschaften zu Vorbildern zu erheben, kann man nur lachen. Vielleicht lachen die saudi-arabischen Frauen ja auch. Aber im schwarzen Ganzkörpersack ist das natürlich schwer zu erkennen. Wer die Zustimmung eines Mannes braucht, um Bildung erwerben, arbeiten, ein Bankkonto eröffnen, heiraten und sich scheiden zu lassen oder im eigenen Land reisen zu dürfen, wem Freiheiten wie das Autofahren verwehrt sind und wer völlig legal vom eigenen Mann vergewaltigt werden darf, hat sicher viel zu lachen. Es wäre interessant zu erfahren, wie solche Sklavinnen die Chancengleichheit in ihrem Heimatland beurteilen und ob sie einen Zusammenhang mit der «vorbildlichen» Anzahl Frauen im Parlament sehen. Es gibt keinen. Mit einer Quote erreichen wir vielleicht, dass uns ein Bürokrat bei der UNO wieder mal den Kopf tätschelt. Brav. Aber aus­ser den paar Quotenfrauen, die dann im Parlament sitzen, ist der weiblichen Bevölkerung damit nicht geholfen. Dafür braucht es Chancengleichheit, nicht nur ein paar Pokale.


Amon Marxer, Eschen

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