Volksblatt Werbung
Volksblatt Werbung
Volksblatt Werbung
Volksblatt Werbung
Leserbrief

Das Geschwätz über Freiwilligkeit ist lächerlich

Martina Haas, Sigi Langenbahn (Arbeitnehmerveband, LANV) | 10. August 2017

Lohnungleichheit

Im Leitartikel auf der Titelseite des «Vaterlands» vom 4. August sieht Gesellschaftsminister Mauro Pedrazzini keinerlei Bedarf, Lohndifferenzen zwischen Mann und Frau auf gesetzlicher Ebene zu begegnen. Für ihn ist ein Diskriminierungsverbot im Gleichstellungsgesetz völlig ausreichend. Getreu dem neoliberalen Ansatz kann sich Pedrazzini aber durchaus vorstellen, dass Arbeitgeber freiwillig für mehr Transparenz sorgen. Doch gleich darauf stellt er den weltweit geführten politischen Diskurs zur Lohngleichheit wieder infrage: «Lohnunterschiede von Mann und Frau sind schwer zu messen … weshalb pauschale Aussagen über die Höhe von Lohnunterschieden mit Vorsicht zu geniessen sind.»
Aus Pedrazzinis Wortwahl – sofern er denn korrekt zitiert wurde – lässt sich schliessen, dass er dem Thema Lohndiskriminierung keinerlei Bedeutung beimisst. So erteilt er der freiwilligen Lohnanalyse nach seinen Worten gerademal Daseinsberechtigung, zweifelt hingegen an der Messbarkeit und Aussagekraft entsprechender Statistiken.
Die Schweiz ist uns hier offensichtlich weit voraus. Der Bund förderte über Jahre die freiwillige Analyse der Lohnungleichheit in Unternehmen oder öffentlichen Institutionen mittels einfachen Selbsttest-Tools wie «Logib» und «equal salary». Werden nicht erklärbare Lohnunterschiede feststellt, können vertiefte Analysen gemacht werden. Das Eidgenössische Büro für Gleichstellung vermittelt sogar entsprechende Fachpersonen. Nun geht die Schweizer Regierung noch einen Schritt weiter, indem sie gesetzlich verankerte Transparenzregeln und die Verpflichtung zur regelmässigen Überprüfung der Lohngleichheit in grösseren Unternehmen fordert. Unser Gesellschaftsminister hat sich offensichtlich noch mit keinem dieser Verfahren auseinandergesetzt.
Seit Jahren ermuntern wir die grös-seren Unternehmen, sich einer freiwilligen Lohnanalyse mit einem der bekannten Instrumente zu unterziehen. Doch unseres Wissens haben dies bislang erst die Landesverwaltung und kürzlich auch ein uns bekanntes grösseres Unternehmen gemacht. In der Regel führen jedoch nur diejenigen Unternehmen freiwillig Selbsttests durch, die ohnehin schon grossen Wert auf ethische Grundsätze wie gleicher Lohn für gleichwertige Arbeit legen. Wie sieht es wohl mit jenen Unternehmern aus, die aufgrund ihres vermeintlich «traditionellen Rollenbilds» gezielt unterscheiden? So entgegnete ein uns bekannter Unternehmer auf die Lohnvorstellung einer Bewerberin: «Bei diesem Lohn kann ich ja gleich einen Mann einstellen.» Ein Garagist sagte einem Bewerber für den Verkauf im Tankstellenshop ab, weil eine Frau billiger zu haben sei. Sogar an einer Lohnverhandlung wurde uns schon «erklärt»: «In dieser Branche braucht es keine höheren Mindestlöhne, da hier ja viele Frauen lediglich im Zusatzverdienst arbeiten.» Interessant wäre in diesem Zusammenhang auch, wie das Geschlechterverhältnis bei Grenzgängerbewilligungen im Tiefstlohnbereich aussieht.
Dem Hauptargument der Gegner gesetzlicher Vorschriften, dass all diese «Zwangsmassnahmen» zu teuer sind und den freien Markt behindern, kann entgegnet werden, dass sich viele Unternehmen freiwillig aufwändigen Zertifizierungsverfahren unterziehen, um ihre Qualität gegenüber Kunden und Geschäftspartnern zu bescheinigen. Das Gleiche sollte schon lange für nachhaltige Unternehmensführung und Wirtschaftsethik gelten. Wir zitieren gerne das Zertifizierungsverfahren «equal salary»: «Indem sich ein Unternehmen öffentlich für einen ethischen Ansatz bezüglich der Entlöhnung einsetzt, wirkt sich dies nach innen auf die Teams motivierend aus. Gleichzeitig wird durch diesen Einsatz die Attraktivität des Unternehmens nach aussen erhöht, was die Rekrutierung der besten Bewerberinnen und Bewerber erleichtert und zu einem besseren Gesamt-image des Unternehmens oder der Organisation beiträgt.»
Es ist an der Zeit, dass sich auch unsere Regierung ernsthaft mit der Thematik befasst.

Martina Haas, Sigi Langenbahn (Arbeitnehmerveband, LANV)

Teile diesen Leserbrief mit deinen Freunden

Leserbrief schreiben

Wie denken Sie darüber?
Titel
Text 0 / 2500 Zeichen
Weiter
Liechtensteiner Volksblatt AG
© 2017, Alle Rechte vorbehalten.
Volksblatt Werbung