Leserbrief

Wir Anpasser

Jo. Schädler,Eschnerstrasse 64, Bendern | 9. Juni 2015

Wirtschaftspolitik

Die Firma Carcoustics bricht hier ihre Zelte ab und geht ins Ausland. Neben einfachen Arbeiten für Ungelernte hatte sie einen hochstehenden Werkzeugbau mit Konstruktion und einen, auf den Absatz in der schwierigen Automobilbranche erfahrenen Verkaufsapparat. Kommentar aus der Regierung: «Dieser Firma werden wir keine Träne nachweinen.» Aber gut, wir haben ja nur 500 Arbeitslose. Die Firma PAV, eine hochtechnisierte Firma zog auch weg. Gegensteuer und Versuch diese wertvollen Arbeitsplätze zu erhalten: Praktisch und faktisch null. Aber gut, wir haben ja erst 500 Arbeitslose. Hilti Mauren macht zu und schickt die Arbeiter nach Thüringen, Tel Solar schliesst, Inficon räumt auf, viele Kleinunternehmer gehen über den Rhein und unserer Politik ist das meist keine Zeile wert. Sie ist vollbeschäftigt mit immer neuen Standortstrategien. Diese gilt es jährlich frisch zu definieren, um damit griffigen Handlungsmassnahmen elegant und geschickt auszuweichen. Unser Wirtschaftsminister meint von sich überzeugt: «Stetiges Sichanpassen ist gefordert.» «Also anpassen und hinterherhinken» anstatt machen und unternehmen? Mit dieser Einstellung, welche dem Unternehmertum gerade mal die Statistenrolle zubilligt, ist unser Tabellenplatz bereits definitiv festgelegt.
Die Frankenstärke zwingt die Betriebe, die hier noch ausharren zum Handeln. Viele Unternehmen in Liechtenstein und der Schweiz se-hen sich gezwungen, ihren Mitarbeitern anzubieten, für denselben Lohn länger zu arbeiten, in Euro bezahlt zu werden, oder zu kündigen. Das Auslagern von Arbeiten an Subunternehmer um Lasten loszuwerden hat sich inzwischen selbst bei der Landesverwaltung eingebürgert. Was man einem privaten Unternehmer als ausbeuterisch anlastet, geben Land und Gemeinden ihr eigenes Selbstverständnis. Beispielsweise sollen Putzfirmen für die Sauberkeit sorgen. Damit kann man kann sich geschickt aus der Verantwortung ziehen und die Personalprobleme sind meisterlich abgewälzt.
Betrieben, welche bereit sind, auch schwer Vermittelbare einzustellen, wird in den wenigsten Fällen geholfen und mit ihnen kooperiert. Hier geht der Staat mit seinen inzwischen vielen beschützenden Werkstätten auf Nummer sicher, sein eigenes, mit dem ewig rollenden Steuerfranken spriessendes Gärtchen zu pflegen.
Was bei allem Geschehen um die Wirtschaft im Lande immer mehr durchscheint, ist unser selbstzerstörerisches wirtschaftspolitisches Handeln. Und die traurige Erkenntnis daraus ist, dass die Politik dem kein Paroli zu bieten hat.

Jo. Schädler,
Eschnerstrasse 64, Bendern

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