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Leserbrief

Gummiarabikum-lecker

Jo. Schädler,Eschnerstrasse 64, Bendern | 5. Juni 2015

Anonymes Schreiben

Als nicht ganz fauler Leserbriefschreiber, so wie ich, dem die freie und liberale Federführung unantastbar und in höchstem Masse heilig ist, hat man das Vergnügen, dass im Briefkasten so dann und wann wunderschöne Post zu finden ist. Wenn das Couvert sauber, adrett und ohne Absender daherkommt, kann man davon ausgehen, dass sich dort drinnen auch die heilige – und natürlich auch unantastbare – Meinung eines mit Bestimmtheit anonymen Mitbürgers befindet.
So wie am Donnerstag diese:
«Herr Jo Schädler!
Jeglicher Kommentar zu ihren Leserbriefen verbietet sich. Hätte ich nur die geringste Hoffnung, dass sie ihr dümmliches Geschreibe durch konstruktive Argumentation begreifen könnten ...
Nun um es abzukürzen: Hat ihnen schon jemand gesagt, was für ein arrogantes, enghirniges A****loch sie sind? Nein?
Machen sie sich nichts draus – Sie merken das nicht!»
Damit lässt sich leben. Und so wie alle anderen werden auch diese wohlgemeinten Zeilen analysiert, kategorisiert und im Ordner «Freundschaftsanfragen» abgelegt. Diesen neuen wunderbaren Brief lege ich ganz klar unter «F» ab. Dieser Buchstabe steht für Freie Liste. Denn Inhalt und Schreibstil decken sich mit den vielen anderen Kommentaren, welche ich immer nach einem Kommentar über die oft sehr seltsamen Erscheinungen im Parteiblatt «Weiss» bekommen habe.
Anonymen Schreibern haftet ja durchwegs etwas verwegen, mystisch Wissendes, gar Heroisches an. Das Schreiben selbst vollzieht sich mutig im stillen Kämmerlein, ganz in sich gekehrt und ganz mit sich im Reinen. Nach dem Akt dieser Selbstbefriedigung werden dann die Spuren sauber verwischt und alles fein und penibel gelöscht. Dann schnell ins Couvert und dort freut er sich schon über die modernen Errungenschaften, nämlich das Couvert, dessen Klappe von selbst klebt, ohne sie ablecken zu müssen. Aber zum Schluss muss noch die Briefmarke aufgeklebt werden. Und wenn der Anonyme, nun von seiner Wut befreit und befriedigte, vergessen hat, Selbstklebemarken zu besorgen, dann muss er andere, welche er noch hat, eben leider hinten, also am Hintern, ablecken. Und nun, ohne gar Schadenfreude aufkommen zu lassen: Das klebrige Gummiarabikum ums Maul, dessen Geschmack man lange, zumindest bis zur nächsten Leckung nicht loswird, geschieht ihm, respektive ihr ganz recht.
Morgan Freeman, Schauspieler und Oscarpreisträger, der selber noch nie einen anonymen Brief verfasste, meint dazu: «Es ist die Verantwortung von allen, die in Freiheit leben, ihre Meinung zu äussern. Immer!»

Jo. Schädler,
Eschnerstrasse 64, Bendern

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