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Leserbrief

Auch Staat und Wirtschaft müssen Interesse an fairen Löhnen haben

Die Freie Liste | 30. Mai 2015

Eurolöhne

Sie liegen auch unserem reichen Staat nicht aus eigenen Stücken oder eigener Schuld auf der Tasche. Unser Land hat die Menschenrechtskonvention unterschrieben und ist verpflichtet, für diese Flüchtlinge zu sorgen. Im übrigen ist «unser Boot nicht voll».
Gerade so ein florierender Betrieb wie die Ospelt AG und weitere Firmen haben doch eine Verpflichtung, rein menschlich, Menschen einzustellen und nicht Maschinen. Das müsste jedem human Gebildeten einleuchten und selbstverständlich sein. Reichtum verpflichtet! Das sollte in so einem gut katholischen Land sowieso selbstverständlich sein!
Zudem sind unter diesen höchst traumatisierten Menschen oft Frauen und Kinder, die monatelang auf der Flucht waren und hier endlich Schutz suchten. Schutz vor einem sicheren Tod in ihrem jeweiligen Heimatland.
Wahrscheinlich geht es uns allen längst so gut, mit einigen Ausnahmen, dass Empathie, Herzlichkeit, Helferwille, ja eben Menschlichkeit im Luxus erstickt ist.
Ausserdem herrscht gut verdeckt eine Fremdenphobie bei uns, die kaum jemand zugeben würde. Und ganz zum Schluss, es sind nicht alle Flüchtlinge ohne Ausbildung, man stelle sich vor, es gibt auch unter ihnen Gebildete, ja Akademiker und sehr sprachbewanderte, kurzum, es sind nicht alle dumm und nehmen uns die Arbeitsplätze weg oder liegen dem reichen Liechtenstein auf der Pelle, wie dies der Volksmund so gern am Stammtisch von sich gibt oder in den Leserbriefen zu lesen ist.
Liechtenstein würde es als so reiches Land gut anstehen, mehr Herz zu zeigen und auch danach zu handeln.

Ruth Schöb,
Auring 57, Vaduz

In ihrem Leserbrief behauptet Frau Ruth Schöb, dass es in diesem Lande Arbeiten gibt, die ein Liechtensteiner selbst als Analphabet niemals ausführen würde. Der Liechtensteiner unterstelle auch per se jedem Flüchtling, dass er nicht lesen und schreiben könne. Damit erklärt sie den Liechtensteiner indirekt zu einem ausbeuterischen, überheblichen Herrenmenschen. Danke dafür, Frau Schöb. Aber vielleicht machen Sie doch besser Ihre Augen auf. Wer putzt denn jeden Tag die Buswartehäuschen, wer putzt jeden Tag die öffentlichen Toiletten, wer fegt die Strassen, wer mäht bei jedem Wetter die Stras-senränder, wer hebt das Loch auf dem Friedhof aus, in dem auch Sie einst ruhen werden? Richtig: der Liechtensteiner. Sehr gerne mache ich mit Ihnen, Frau Schöb, eine Rundfahrt durch unsere Arbeitswelt. Gerne zeige ich Ihnen den Gipser, den Maurer, den Kanalarbeiter, den Kleinbauern, die Serviertochter, das Zimmermädchen. Alle schlecht bezahlt und alle mit Liechtensteiner Pass. Oder kommen Sie doch einfach zu mir. Ich zeige Ihnen auch gerne meine Geburtsurkunde und ich zeige Ihnen sehr gerne mein Arbeitspensum und die kargen Brötchen, die daraus entstehen. Und dann bin ich sehr gespannt, ob Sie mir einen Ausländer bringen können, der bereit ist, das gleiche zu leisten.
Wenn Sie schon etwas für die Menschen mit niedrigen Löhnen tun wollen, dann schlage ich Ihnen vor, lassen Sie sich doch von Ospelt anstellen, übernehmen Sie dort einen Managerposten. Strukturieren Sie die Firma so um, damit sie mehr Gewinne erzielt und die Löhne erhöhen kann. Oder übernehmen Sie doch dort den Verkauf. Verkaufen Sie die Tiernahrung und den Speck so, dass die Rendite besser stimmt.
Was bei der Diskussion um die Eurolöhne bei Ospelt abstösst, sind die vielen Schlaumeier und Besserwisser, die von Tuten und Blasen keine und von Fabrikführung schon gar keine Ahnung haben, aber für alles das gültige Rezept wissen, welches sich aber bei näherem Hinsehen auf Stammtischgeplapper reduziert. Das sind die einen. Die anderen sind die noch schlimmeren, die noch schnell auf das Trittbrett springen, um als Gutmensch zu agieren und der Welt ihre humane Gesinnung und ihr wohlgeratenes Herz zu präsentieren. Das dürfen Sie ja tun. Wenn Sie aber dabei den Liechtensteiner pauschal als faulen, ausbeuterischen Herrenmenschen, der sich niemals die Finger schmutzig machen würde, abtun, müssen sie auch damit rechnen, dass man solche Äusserungen als unqualifizierte, rotzfreche Verirrungen ortet.

Jo. Schädler,
Eschnerstrasse 64, Bendern

Im Dezember 2014 erschien im Schweizer Wirtschaftsmagazin «Bilanz» ein Artikel über «Day & Night», ein Produkt, von dem sich die Ospelt Gruppe «einen Wachstumsschub verspricht»: Es ist Katzenfutter. Die Gruppe, geleitet von Alexander Ospelt, habe an fünf Standorten in Liechtenstein, der Schweiz und Deutschland gut 700 Millionen Franken Umsatz gemacht; Hohe Margen bringe vor allem die Petfood-Sparte.
Im gleichen Artikel wird aufgezeigt, wie sich das Vermögen von Alexander Ospelt vergrössert hat: Vom Jahr 2005 ist es von 350 Millionen Franken auf 475 Millionen Franken im Jahr 2014 angestiegen. Dies trotz grösserer und kleinerer Wirtschaftskrisen, die gerne zur Verteidigung von unfairem Geschäftsverhalten herangezogen werden. Das Vermögen der Menschen auf der Forbes-Liste ist im vergangenen Jahr gesamthaft gewachsen. Alexander Ospelt, einer der reichsten Liechtensteiner, figuriert auf der Forbes-Liste der reichsten Schweizer auf Rang 190. Er hat dennoch in diesem Jahr ein Tabu gebrochen: Er lässt die Löhne bei seinen Petfood-Angestellten sinken. Es ist bekannt, dass die Löhne im Tierfutterbereich neuerdings sogar in Euro zu einem von der Ospelt Anstalt festgelegten Kurs bezahlt werden. Kursschwankungsrisiken werden auf die Angestellten im Billigstlohnbereich abgewälzt.
Bereits Adam Smith, der Begründer der liberalen Wirtschaftstheorie und des freien Marktes, kam zu dem Schluss: «Ein Mensch muss von seiner Arbeit leben können und sein Lohn muss wenigstens existenzsichernd sein!» Wenn ein Lohn trotz hartem Einsatz nicht ausreicht, das Leben zu bestreiten, muss oft der Staat mit Subventionen eingreifen. Der freie Markt reguliert sich dann eben nicht selbst: Bei den Löhnen der Ospelt Anstalt ist dies der Fall und es werden Förderungen wie Mitbeihilfe und Sozialhilfe nötig. Es ginge auch anders: Nämlich, indem die Wirtschaft und auch Einzelne (durch eine Mitgliedschaft bei einer Arbeitnehmervertretung) in den Verhandlungen der Mindestlöhne den LANV stärken und es nicht zulassen, dass Löhne in Liechtenstein noch mehr sinken und unternehmerische Risiken auf Menschen abgewälzt werden, die ohnehin kaum ihre Existenz bestreiten können. Mit den Subventionen unterstützt der Staat und somit der Steuerzahler indirekt auch eine Umverteilung von unten nach oben, wie das Beispiel der Ospelt Gruppe zeigt. Ebenso führt es in bestimmten Branchen auch zu Lohndumping, das der Wirtschaft schadet: Das unfaire Wettbewerbsverhalten geht zu Lasten der Mehrheit der Arbeitgeber, die auch in wirtschaftlich schwierigen Phasen einen fairen Lohn bezahlen und sich ihrer Verantwortung gegenüber ihren Angestellten, der Gesellschaft und dem Staat bewusst sind.

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