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Leserbrief

Misstrauen einmal mehr gesät

Ruth Schöb,Auring 57, Vaduz | 29. Mai 2015

KVG-Reform

Die Gewinner eines Service Public im Gesundheitswesen sind zum einen die Leistungserbringer, da sie sich zu 100 Prozent auf das Heilen konzentrieren können, geregelte Arbeitszeiten haben und gut verdienen. Zum anderen die Patienten, die eine gute Gesundheitsversorgung zu einem wesentlich günstigeren Preis als heute beziehen können. Wenn dann noch einkommensabhängige Prämien eingeführt werden, können sogar die Arbeitgeberbeiträge abgeschafft werden. Wenn die Kosten nach der Leistungsfähigkeit der Versicherten verteilt werden, dann muss der Arbeitgeber die Kopfprämien nicht mehr mitfinanzieren. Ausserdem können wir die ganzen Ausgleichssysteme wie die Prämienverbilligung und Vergünstigungen für Rentner und chronisch Kranke abschaffen, denn jeder wird nur so viel belastet, wie er es sich leisten kann. Ausserdem werden auch endlich richtige Anreize geschaffen, denn ein reicher Versicherter hat heute keinerlei Anreiz, wegen einer höheren Franchise nicht zum Arzt zu gehen, denn ein Einkommensmillionär merkt nicht, ob er einen Selbstbehalt von 1000 oder 5000 Franken bezahlen muss. Wenn das System aber einkommensabhängig ist, dann merkt er es sehr wohl.
Ein solches System hat in Schweden über Jahre hinweg bestens funktioniert, bis die Neoliberalen vor einigen Jahren an die Macht gelangten und es ermöglichten, dass Gewinnstreben unter den Ärzten zugelassen wurde. Den Reichen wurde erlaubt, sich zu entsolidarisieren. Mit dem Resultat, dass Schweden heute über ein Parallelsystem zum staatlichen Gesundheitswesen verfügt. Eine Zweiklassengesellschaft hat Einzug gehalten. Die reichen Patienten nutzen private Strukturen, und der grosse Rest muss nun in einem unterfinanzierten, schlechten System dahindarben. Liechtenstein wird in wenigen Jahren auch dort angekommen sein. Vielleicht wird dann der politische Wille für einen Systemwechsel vorhanden sein. Jedenfalls wird die vorgeschlagene Krankenversicherungsrevision meine Unterstützung nicht erhalten, weil eine Entsolidarisierung zwischen Gesunden und Kranken als auch zwischen Reichen und Armen stattfindet. Zudem werden die Kosten weiterhin massiv steigen. Dadurch blutet der Durchschnittsbürger immer stärker aus. Diesem Trend muss Einhalt geboten werden.

Thomas Lageder, Landtags- abgeordneter der Freien Liste

Der Gesellschaftsminister hat am 27. Mai 2015 im 1FLTV zu den befristeten OKP-Verträgen gemeint, dass der primäre Zweck sei, Kapazitäten darzulegen, was auch eine Sanktion sei. Beispiel: «Wenn ein Hausarzt plötzlich anfängt, hobbymässig Homöopathie zu betreiben, bekomme er keinen neuen Vertrag.» Diese «Verwandlung» vom Hausarzt zum Hobby-Homöopathen liesse sich bestimmt anderweitig regeln, denke ich (abgesehen davon, setzt seriöse Homöopathie eines Arztes ein jahrelanges Zusatzstudium voraus).
«Wir» behandeln unendlich viele Gesunde mit dem Argument der Prävention, was reine Angstmacherei sei. Wer ist dieses «Wir», frage ich mich? Ist der Herr Gesellschaftsminister über Nacht zum Arzt mutiert? Es werde zu viel verschrieben, was nicht zweckmässig sei, nicht wirksam oder gar nicht gebraucht würde. Oder es werde aus Prinzip alle Monate ein volles Labor gemacht. Man quäle so Leute mit Überdiagnosen (was ist eine Überdiagnose?), die Leute seien zum Schluss gesund, müssten aber zwei bis drei Jahre in Unsicherheit leben, weil sie durch alle medizinischen Instanzen geschleust würden.
Wenn der Patient die Rechnung zuerst selbst sehe und bezahle, sehe er, dass Abrechnung und Behandlung nicht übereinstimmen würden. Auf der Rechnung erscheine dann weit mehr und noch ganz anderes, als das, was der Patient wollte! Die heutigen Rechnungen seien völlig nichtssagend, was ja stimmt.
Der Gesellschaftsminister spricht einmal mehr aus reinem Misstrauen und für eine Vorverurteilung der Ärzte für Falschabrechnungen und «Überdiagnosen». Ich frage mich, wie ein Laie (der Minister) zu solchen Aussagen kommt, (was nötig ist für eine Diagnose) – ausser er verfügt über ein Arztstudium oder hat absolute und stichhaltige Beweise, dass unsere Ärzteschaft im Kollektiv falsch abrechnet, zu viel, unrichtig und unnötig behandelt und erst noch die Patienten quält. Warum schafft der Herr Minister nicht einfach diese ganze Ärztemafia ab, dann wären wir Misstrauen und Neid los, die Patienten können dann ja zu den Schweizer Ärzten, die haben ja auch schon den Tarmed und arbeiten scheinbar billiger und ehrlicher!
Es ärgert, stört und empört mich, dass dieser Argwohn andauernd dem Volk eingeimpft wird. Das Klima kann so nur immer mehr vergiftet werden, wobei wir in einem Land mit einer Hochleistungsmedizin und besten Ärzten leben, was sich Millionen Menschen in anderen Ländern wünschen würden. Ich finde diese Aussagen des Ministers würdelos. Vielleicht merkt das Volk dies spätestens dann, wenn es notfallmässig nachts vom Notarzt gerettet wird.

Ruth Schöb,
Auring 57, Vaduz

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