Leserbrief

«Statistische Verzerrungen»

Dr. med. Marco Ospelt,Dröschistrasse 9, Triesen | 27. Mai 2015

Gesundheitswesen

Der Artikel des Herrn Benvenuti zur Entwicklung der Bruttokosten in der Obligatorischen Krankenversicherung (OKP) im ersten Quartal 2015 vom Samstag, den 23. Mai, bedarf eines Kommentars.
Zunächst ist wichtig zu wissen, dass Leistungen im Rahmen der OKP erst unter dem Datum in der Statistik erscheinen, an dem die Krankenkassen die entsprechende Leistung zur Zahlung anweisen. Im Oktober 2014 war der neue Liechtensteinische Arzttarif in Kraft getreten. Diese Tarifumstellung hatte bei den Krankenkassen zu Verzögerungen in der elektronischen Erfassung der Rechnungen geführt. Allein dadurch entstand eine Verschiebung in der statistischen Erfassung der Leistungen vom 4. Quartal 2014 ins erste Quartal 2015.
Verzerrungen können aber auch entstehen, wenn einige wenige Krankheiten, die sehr teure Behandlungen nach sich ziehen, in einem bestimmten Quartal auftreten. Oder wenn in diesem Quartal zufällig besonders teure Medikamente zur Abrechnung gelangen. Beispielsweise, wenn ein Spezialist, der aus medizinischen Gründen besonders teure Medikamente anwendet, seine Medikamente nicht am Ende des einen Quartals, sondern zu Beginn des nächsten in Rechnung stellt. Aber auch epidemiologische Ereignisse können die Statistik verfälschen. Zum Beispiel, wenn im ersten Quartal des einen Jahres die Grippewelle flacher ausfällt als im anderen Jahr. Ja sogar die unterschiedliche Zahl an Feiertagen, die auf einen Wochentag fallen, kann sich auswirken.
Pikant und auffällig ist in der Statistik im Vergleich zwischen 2014 und 2015, dass die durch Physiotherapeuten erbrachten Leistungen abgenommen haben, während die Medikamentenkosten gestiegen sind. Besteht hier ein Zusammenhang? Könnte es sein, dass sich der jahrelange Druck in Richtung Senkung der Kosten (auch) bei den Physiotherapeuten auswirkt? Dass der durch die Tarifierung bedingte Zwang zu immer kürzeren Behandlungszeiten dazu führt, dass die Patienten merken: Diese kurzen Behandlungen sind nicht mehr so wirksam wie früher? Dass sie deshalb immer mehr auf physiotherapeutische Behandlungen verzichten und dafür der Verbrauch an Medikamenten ansteigt? Und wie hat sich in den letzten Jahren die Dauer des Krankenstandes bei Krankheiten des Bewegungsapparats entwickelt? Könnte es sein, dass über die letzten Jahre für diese Krankheiten höhere Krankentaggelder ausbezahlt werden mussten? Dann wäre die Reduktion der Kosten in der Physiotherapie bestenfalls ein Nullsummenspiel, vielleicht sogar erkauft durch vermehrte Nebenwirkungen der Medikamente? Haben Sie das alles untersucht, bevor sie schreiben, es sei «doch erstaunlich, dass bei den Ärzten derartige Ausfälle offenbar problemlos durch die Abgabe von mehr oder teureren Medikamenten kompensiert werden können»?
Herr Benvenuti, Sie wissen es: Der Vergleich von so kurzen Behandlungsperioden bei einer so kleinen Zahl von Versicherten ist sinnlos. Ihre Berichterstattung ist populistisch und tendenziös, jedenfalls weit entfernt von einem seriösen Journalismus.

Dr. med. Marco Ospelt,
Dröschistrasse 9, Triesen

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