Leserbrief

Krisen sind Chancen

Sr. Alma Pia, ASC, Schaan | 31. Januar 2015

Glaube

Frage an den Papst: «Wozu dient jetzt die Erfahrung von all diesen Jahren?» Der Papst: «Als ich allzu jung 37-jährig Provinzial wurde und über Grundfragen, ohne diese im voraus mit anderen zu beraten, entscheiden musste, machte die Gesellschaft Jesu schlimme Zeiten durch, weil eine ganze Generation Priester ausgefallen war. Mir hat es zwar geholfen, dass, wenn ich jemanden mit etwas beauftrage, zu ihm bis zum Letzten halte, aber meine autoritäre Führungsart schadete mir sehr und verursachte mir später eine innere Krise, als ich nach Cordoba zog. Trotz Fehler und Sünden hat mir Gott jedoch gewährt, mich von diesen Lastern befreien zu können und Neues zu lernen. Schon ab Februar 1998, als ich Erzbischof von Buenos Aires wurde, traf ich meine sechs Weihbischöfe alle vierzehn Tage und den Priesterrat jährlich mehrmals. Meine Entscheidungen besserten sich nachdem zusehends. Und jetzt hier als Papst? Nach dem Wunsch der Generalkongregation, den diese bereits vor dem Konklave verkündete, sollte ein Gremium von Kardinälen entstehen, um freimütige, wahrhaftige und offenherzige Beratungen zu fördern. Ich meinerseits folge einfach dem Weg, den ich als Erzbischof eingeschlagen habe.»
Indem der Papst abschliessend betont, dass ein Gremium von Kardinälen vor dem Konklave etabliert wurde, legt er fest, dass er sich zu ihm neutral, unverbindlich und seinen herkömmlichen Prinzipien treu verhalten wird. Weil dieses Gremium entstand, bevor er Papst wurde, kann er solches nur noch als Bestandteil einer Kirche als Gottesvolk im Umbruch behandeln und keinesfalls als ein jeglichen Revisionsbedarfs enthobenes Umbruchsergebnis absegnen, wie die Rede an die Kurie am 22. Dezember 2014 bestätigte.
Der Papst geht allerdings mit sich selbst zu hart ins Gericht, wenn er von seiner Zeit als Provinzvater der Jesuiten in Argentinien während der Terrorherrschaft des Militärs spricht. Berater, an die er sich damals hätte richten können, hätte er kaum unter seinen Mitbrüdern gefunden. Die Last, Entscheidungen treffen zu müssen, die das zukünftige Dasein vieler Menschen bestimmen, besteht darin, dass man nicht über genug Information für ein rationales Vorgehen verfügt und jedoch mutmasst, es gäbe nichts Schlimmeres, als die Entscheidungen zu unterlassen oder hintanzusetzen. Damals formulierte Jorge zwei Regeln, die keiner von uns vergessen hat:
? Retten wir so viele wie möglich; ? Verzichten wir schon jetzt darauf, uns selbst zu retten.
Ich hatte die Ehre, mit ihm tagtäglich in San Miguel zusammenzuarbeiten. Dies zur schlimmsten Zeit der Geschichte unserer Heimat.
Mit freundlichen Grüssen,

Víctor Arévalo, Univ.-Prof. Dr. iur., Auring 56, Vaduz

Daran muss ich immer denken, wenn ich vom «notwendigen Wachstum» lese, dessen Folgen in die sichere Katastrophe führen: Vergiftung von Boden, Luft und Wasser, Schwinden der Reserven, mörderische Tsunamis, steigende Zahl der Flüchtlinge ... Alle WWF und sündteuere Kongresse nützen wenig, solange jeder Staat nur den eigenen Vorteil sucht.
Ich erschrak, als ich im «Wendekreis» 10/13 las, der «christliche Kapitalismus» – der natürlich gar nicht «christusmässig» ist! – sei daran schuld. Er muss sterben. V. Pispers ist überzeugt: «Auf dem Grabstein des Kapitalismus wird stehen: Zuviel war nicht genug.»
Alle wollen heute sparen, aber wenige bei sich selbst! Liechtensteiner wollen die Pensionen der Staatsangestellten kürzen, Schweizer die Lohnschere auf 1:12 senken oder doch wie Deutsche den Mindestlohn für alle über 18 sichern. Wie viele wissen, dass Afrikaner den ganzen Tag für die Riesenkonzerne des Nordens um nur 2 Euro schuften?
Dieser völlig un-christliche Kapitalismus hat die Machthaber der Südhalbkugel angesteckt, sodass sie Entwicklungsgelder als Privateigentum in «sicheren Banken des Nordens» horteten.
Der Kapitalismus der Getauften stiftet auch im reichen Norden Unheil: die Reichen «brauchen Gott nicht», der Glaube wird totgeschwiegen oder belächelt, während die Islamisten im Süden die Christen foltern und töten, wenn sie sich nicht zum Islam «bekehren». Warum? Christen sind für sie die Verursacher ihrer Armut und Zerstörer ihrer «guten» Sitten. Werden deswegen viele Jugendliche IS-Kämpfer?
Und unsere Chance? Uns anstecken lassen durch Papst Franziskus, der fröhlich seinen Glauben an den armen Jesus von Nazaret lebt und strahlend mutig verkündet. Sein Büchlein «Freude des Evangeliums» zeigt den Weg.

Sr. Alma Pia, ASC, Schaan

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