Leserbrief

Hängebrücke: Segen oder Fluch?

Liechtensteinische Gesellschaft für Umweltschutz, LGU | 31. Mai 2017

300-Jahr-Jubiläum

Das eben publik gewordene Projekt einer verbindenden Hängebrücke zwischen dem Liechtensteiner Ober- und Unterland klingt auf den ersten Blick sehr spektakulär und dadurch auch entsprechend verlockend – besonders im Hinblick auf das in zwei Jahren stattfindende 300-Jahr-Jubiläum. Zweifellos soll ein solches Projekt ein Publikumsmagnet sein: Zahlreiche Schaulustige und noch mehr Freizeitsportler/-innen werden den Weg dorthin suchen und finden. Es wird eine Verbindung zwischen Nendeln und Planken hergestellt und es darf mit Hunderten Mountainbikern, Joggern, Walkern, Wanderern, Downhillern und Schaulustigen gerechnet werden.
Ganze Besucherströme werden so genau dorthin gelenkt, wo derzeit noch eine funktionierende Verbindung für Wildtiere besteht. Ausgerechnet im engsten Teil eines internationalen Wildtierkorridors vorgesehen, wird ein solches Projekt wie eine Sperre auf die Wildtiere wirken und die notwendigen Wanderungen für die scheuen Waldbewohner künftig verunmöglichen. Natürlich werden Rotwild und Co. versuchen auszuweichen. Nur wohin? Der zunehmende Stress für das Wild und seine Suche nach Wanderalternativen in diesem sensiblen Gebiet werden mit unabsehbaren Folgen für den wichtigen Schutzwald oberhalb von Planken verbunden sein. Aber nicht nur dort, sondern auch im Bereich Mösleberg, Nendler Berg, Güetlewald usw., wo die Wildtiere bisher ungestört leben können, wird der Stress für die Wildtiere überhandnehmen. Zunehmende Frassschäden und weitere Probleme mit der Schutzwaldverjüngung sind so bereits vorprogrammiert.
Im überregionalen und internationalen Kontext ist man seit Jahren darum bemüht, die in unserer übernutzten Landschaft gestörten Beziehungen zwischen den Lebensräumen wiederherzustellen. Überall dort, wo man sich nicht rechtzeitig und umfassend der gravierenden Folgen der Zerschneidung von Lebensräumen bewusst wird, muss später viel Geld für die Wiederherstellung ausgegeben werden. Erfahrungen belegen, dass die Kosten für die Wiederherstellung beschädigter Ökosysteme mindestens 10 Mal höher sind als für Naturschutz. Diese Folgekosten müssten korrekterweise den Projektkosten, die mit etwa einer Million angegeben wurden, zugerechnet werden.
Ist uns ein solches Prestigeobjekt tatsächlich eine weitere Zerschneidung in bisher noch einigermassen funktionierenden Lebensräumen wert? Macht es Sinn, dass sich auf der einen Seite sowohl Liechtenstein als auch die Schweiz bemühen, Hindernisse für die Wildtierwanderung in diesem wichtigen und Rheintal querenden Korridor zu beseitigen, während einige Kilometer weiter, auf derselben Wanderroute, bereits neue Hindernisse geplant werden? Der LGU ist die Verlockung eines solchen Prestigeprojektes durchaus bewusst. Allerdings bitten wir alle Verantwortlichen eindringlich um die Berücksichtigung und Berechnung aller Konsequenzen, auch der unbequemen.

Liechtensteinische Gesellschaft für Umweltschutz, LGU

Teile diesen Leserbrief mit deinen Freunden

Leserbrief schreiben

Wie denken Sie darüber?
Titel
Text 0 / 2500 Zeichen
Weiter
Liechtensteiner Volksblatt AG
© 2017, Alle Rechte vorbehalten.