Leserbrief

Täter war wohl «psychisch krank»?

Ruth Schöb,Auring 57, Vaduz | 29. Juli 2016

Amoklauf in München

Was meinen, implizieren die Medien mit solchen Pauschalaussagen? Ist psychisch krank gleich schuldunfähig? Falls ja, in juristischem oder medizinischem Sinne? Indiziert diese Aussage eine Stigmatisierung psychisch Erkrankter? Ist der Depressive der Amokläufer von morgen? Oder sind die Fachärzte «schuld», will man sie für solche Verbrechen verantwortlich machen, indem ihre Therapie versagte? Für mich sind solche Schlagzeilen unprofessionell, populistisch, ja gefährlich, sie tragen dazu bei, psychische Erkrankungen zu kriminalisieren. Die Psychiatrie ist eine Fachdisziplin wie jede andere spezialärztliche Tätigkeit und es ist mehr als zu kurz gegriffen, bei kriminellen Taten erst mal Gewalt, Grausamkeit mit psychiatrischen Erkrankungen oder ärztlicher Fehlbehandlung zu verknüpfen. Solche einseitigen und negativen Berichterstattungen tragen dazu bei, dass psychische Erkrankungen nach wie vor tabuisiert werden und die Fachdisziplin Psychiatrie falsch dargestellt wird. Schlagzeilen wie «Täter psychisch krank» bringen Quoten.
Der Münchner David S. hat neun Menschen erschossen, was trieb den 18-jährigen Jungen zu seiner Tat?
Es ergibt sich das Bild eines einsamen jungen Menschen mit schweren psychischen Problemen, dessen Leben schon seit Langem auf die schreckliche Tat zusteuerte. Zu diesem Zeitpunkt ist David längst in psychiatrischer Behandlung. Verbringt zwei Monate in einer stationären Einrichtung. Auch danach wird er ambulant weiterbehandelt, bekommt Psychopharmaka verordnet. David leidet offenbar nicht nur unter Depressionen, sondern auch unter einer sozialen Phobie (Spiegel online).
Häufige, intensive und lang andauernde Normabweichung des Erlebens, Befindens und Verhaltens deuten auf eine psychische Erkrankung hin. Diese Krankheiten werden in der Internationalen Klassifikation der Krankheiten (ICD) als «Psychische und Verhaltensstörungen» (ICD-10, Kap. V, F00-99) beschrieben. Das sind Krankheitsbilder wie Depression, manisch-depressive Erkrankungen, Angststörungen und Schizophrenien.
Experten warnen davor, die mutmassliche Depression des David S. zum Auslöser der Bluttat zu erklären. «Mit grosser Sicherheit kommt eine Depression des Täters als Ursache für den Amoklauf in München nicht infrage», meint der Vorstandsvorsitzende der Stiftung Deutsche Depressionshilfe. Wir sehen es mit grosser Sorge, wenn Depressionen mit Gewalttaten in Verbindung gebracht werden. Dies sei vom Krankheitsbild her nicht gerechtfertigt (Spiegel online).

Ruth Schöb,
Auring 57, Vaduz

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